Gretchens kleinbürgerliche Welt

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Analysieren Sie die kleinbürgerliche Welt Gretchens und ziehen Sie mögliche Rückschlüsse auf ihren Charakter daraus!

Johann Wolfgang von Goethe hat in seinem langen Leben viele Tragödien geschrieben, doch bei Faust handelt es sich um seinen Lebenswerk. Angefangen hat Goethe mit dem „Urfaust“, den er später zu „Faust Der Tragödie erster Teil“ mit vielen neuen Szenen umwandelte und beendet hat er es mit dem zweiten Teil von Faust in seinem letzten Lebensjahr. Das zentrale Thema ist die Verpfändung der Seele Fausts an den Teufel. Die Strategie Mephistos besteht darin Faust auf eine Ebene der Niveaulosigkeit zu bringen und hiermit kommt Faust auch mit der kleinbürgerlichen Welt Gretchens in Kontakt, die sowohl viel Positives als auch Negatives vermittelt.

Margarete lebt in einer heilen und geordneten Welt. Heil ist ihre Welt, weil sie als 14-jährige fast noch ein Kind ist, welches von den Eltern strenge bürgerliche Moral gelehrt wird. Die Welt von Gretchen ist keine Märchenwelt, dennoch ist sie voller Ordnung, Zufriedenheit und Ruhe. Die Aussage Fausts im Zimmer Gretchens „Wie atmet rings Gefühl der Stille, der Ordnung, der Zufriedenheit“ (S.90 Z.2691) hebt dieses Gefühl der Ordnung deutlich hervor. Ihr Leben scheint im Jahresrhythmus, das heißt konstant und ohne viel Abwechslung, zu verlaufen. Aber das Gefühl der Einsamkeit scheint Margarete auch nicht fremd zu sein. Ihr Vater und ihre kleine Schwester sind gestorben. Ihr Bruder ist ein Soldat. Der einzige Mensch aus ihrer Familie, der Gretchen nahe steht, ist die Mutter. Dies ist aber kein Verhältnis der Harmonie. Die Aussage Gretchens „Und meine Mutter ist in allen Stücken so akkurat“ (S.103 Z.3113) belegt, dass Gretchen ihre Mutter als sehr streng und anspruchsvoll empfindet. Gretchen lebt nicht mit ihrer Mutter sondern eher in ihrem Schatten. An dieser Stelle kann daher keine Rede vom harmonievollen Mutter-Tochter-Verhältnis sein.

Als kleinbürgerliche muss Gretchen sehr viel arbeiten. Von morgens bis abends muss Margarete alle anfallenden Haushaltsarbeiten erledigen. Beklagen darf sich Gretchen auf keinen Fall. Aus der Aussage Gretchens „muss kochen, fegen, stricken Und nähen und laufen früh und spät“ (S. 103 Z. 3111) wird dieser immer wieder gleiche Tagesablauf deutlich. Auch die Erziehung ihrer kleinen Schwester muss sie übernehmen, was ihren Alltag nur noch mehr erschwert. Allmählich gewöhnt sich Gretchen an das Kind, das ihr mit der Zeit sehr ans Herz wächst. Sie sieht sich klar in der Mutterrolle. Als ihre kleine Schwester stirbt, ist es für sie ein sehr schmerzhafter Verlust.

Hinzuzufügen wären noch die gesellschaftlichen Zwänge, die das Leben von Gretchen entscheidend einschränken. Als Frau, als eine Bürgerliche und überhaupt aus religiösen und politischen Gründen ist Gretchen gezwungen ein unterwürfiges Dasein zu führen. Sie hat nicht die Freiheiten, die ein Mann oder ein Adeliger hat. So hat Gretchen wirklich wenig, womit sie ihren Kummer stillen und ihren grauen Alltag verschönern könnte. Beispielsweise zwingt ihre Mutter sie den Schmuck, das „Liebesgeschenk“ von Faust wegzugeben. Es gehört sich nicht, dass eine fromme Frau, eine anständige Bürgerliche solche Schätze besitz. Das riecht nicht nach Unschuld, die für die Ehre eines Mädchens und damit für ihr Überleben in der Gesellschaft essentiell ist.

Diese Gesichtspunkte verdeutlichen die negativen Seiten des kleinbürgerlichen Lebens von Gretchen. Interessant ist, dass Gretchen trotzdem mit ihrem Leben, so wie es jetzt ist, zufrieden ist. Die Anmerkung „Da geht`s mein Herr nicht immer mutig zu; Doch schmeckt dafür das Essen, schmeckt die Ruh“ (S. 104 Z.3147) trifft dies genau. Gretchen muss mit vielen Problemen in ihrem Leben zu Recht kommen und sie steht dazu. Sie entwickelte diesen „imaginären Zustand der Zufriedenheit“ um einfach eigene Psyche zu schonen. Wenn man keine Freude haben kann, wenn man keine Freiheit besitzt und eigene Angehörige sterben sieht, so kann man wirklich verrückt werden. Deshalb ist die Schaffung einer obgleich nicht wirklich existierenden heilen Welt im Falle von Gretchen lebensnotwendig. Doch durch das Einwirken Fausts beginnt sich diese heile und geordnete Welt zu verformen. Vorstellen könnte man sich diesen Vorgang so: die kleinbürgerliche Welt von Gretchen ist von der realen Welt abgetrennt. Faust stellt daher einen Fremdkörper in der eingeengten kleinbürgerlichen Welt von Gretchen dar. Schon bemerkt man feine Risse in der zarten Welt von Margarete.

Das Leben von Gretchen verläuft nach den gesellschaftlichen Normen. Hinzu gehören die Kirche und auch der Glaube an Gott. Die Aussage Gretchens „Das ist nicht recht, man muss dran glauben“ (S.113 Z.3422) zeigt, dass die Religion für Gretchen sehr wichtig ist. Letztendlich würde man hart bestraft und von der Gesellschaft ausgegrenzt werden, wenn man sich nicht als gläubig zeigt. Obwohl Gretchen so religiös und brav erscheint, gibt sie den zweiten von Faust geschenkten Schmuck nicht der Kirche, sondern versteckt ihn bei der Nachbarin, damit die Mutter davon nichts merkt. Dies ist einer der Risse in der heilen Welt von Gretchen und auch in ihrem reinen, frommen Wesen, da Gretchen zum ersten Mal ihrer Mutter etwas verheimlicht. Auch der von Faust gegebene „Schlaftrunk“ für die Mutter, der sich im Nachhinein als ein Gift entpuppt, gehört zu den Dingen, die Gretchen zum ersten Mal in ihrem Leben tut. Dies merkt sie auch und das belegt ihre Aussage „Ich habe schon so viel für dich getan, Dass mir zu tun fast nichts mehr übrig bleibt“ (S.116 Z. 3519). In diesen Worten stecken viele Vorwürfe. Gretchen beschuldigt Faust ihr Leben, ihre Welt, ihre Familie zerstört zu haben. Schließlich hätte sie alles für ihn getan, weil sie ihn so sehr liebte und er hat sie einfach ausgenutzt.

Sowohl charakterliche als auch der gesellschaftliche Verfall von Gretchen wird durch ihren Bruder Valentin angesprochen. Früher war er stolz auf seine reine und kluge Schwester, nun hasst er Gretchen und stößt sie ab. Die Aussage des Bruders von Gretchen „Aber ist eine im ganzen Land, Die meiner treuen Gretel gleicht, Die meiner Schwester das Wasser reicht?“ (S.121 Z.3631) bestätigt dies. Hätte sich Faust nicht in ihr Leben eingemischt, würde es vermutlich wie vor ihrem Treffen regelmäßig, geordnet und ruhig verlaufen. Stattdessen endet das junge Leben von Gretchen im Kerker zwischen Wahnsinn und geistiger Klarheit. Gretchen scheidet aus dem Leben als Mörderin und als eine verruchte Frau. Ein schlimmeres Ende könnte es wahrlich nicht geben.Die Szene am Brunnen sagt schon den Verfall Gretchens voraus. Zwar wird über eine andere Frau gesprochen, die von ihrem Freund schwanger verlassen und anschließend von der Gesellschaft stigmatisiert wird, doch Gretchen spürt, dass sie das gleiche Schicksal erwartet.

Meiner Ansicht nach möchte Johann Wolfgang von Goethe zeigen, wie schnell sich ein richtiges und reines Leben in ein Leben voller Sünden und Verachtung verwandeln kann, auch wenn sich nur ein Fremdkörper wie Faust darin einmischt.

KsG.