Faust – Erörterung zur Szene Prolog im Himmel

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„Er nennt`s Vernunft und braucht`s allein,

Nur tierischer als jedes Tier zu sein.“ ( Vers 258f.)

„Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange

Ist sich des rechten Weges wohl bewusst.“ (Vers 328f.)

Erörtere ausgehend vom Prolog im Himmel die unterschiedlichsten Menschenbilder, die der Herr und Mephisto vertreten! Zeige an einem treffenden Beispiel, wie diese Menschenbilder in der Person Fausts realisiert werden!

Die Tragödie „Faust 1“ von Johann Wolfgang von Goethe entsteht im Zeitalter der Klassik, das vom Idealismus geprägt ist. Es handelt von dem Erkenntnisdrang der Menschen, von unterschiedlichen Menschenbildern sowie von der Schuld. Im ersten Teil der Tragödie „Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe geht es um Faust, der mit dem Teufel einen Pakt schließt. Die Tragödie „Faust 1“ weist unterschiedliche Menschenbilder auf. Das erste Menschenbild stammt vom Teufel. Laut diesem Bild sind die Menschen genauso primitiv wie am ersten Tag ihrer Erschaffung. (S.11 V.281-282) Das heißt sie entwickeln sich nicht weiter. Obwohl Menschen Vernunft besitzen, sind sie laut dem Teufel „tierischer als jedes Tier“. An dieser Stelle vergleicht Mephisto Menschen mit Tieren, die ein verdorbenes Leben führen, ein animalisches Dasein der Vernunft vorziehen. (S.11 V.286)

Dazu halten sie sich noch für Götter. „Der kleine Gott der Welt…“ Für den Teufel sind die Menschen wie Zikaden, die hin und herspringen und trotzdem im Gras stecken bleiben. (S.11 V.287-V.291) Das bedeutet, dass sie vergeblich nach dem Wissen streben, erlangen jedoch keine vollkommene Kenntnisse über die Natur. Somit bleibt das vollkommene Wissen für Menschen unerreichbar. In dieser Hinsicht erscheinen sie Mephisto erbärmlich. „Ich mag sogar die armen selbst nicht plagen.“ Somit stellt der Teufel ein negatives und pessimistisches Menschenbild dar, das auf Faust bezogen werden kann. Mephisto beschreibt ihn als unzufrieden und unersättlich. „Vom Himmel fordert er die schönsten Sterne. Und von der Erde die höchste Lust.“ (S.12 V.306-307)

Faust studiert vier Hauptfakultäten der Rennaissance. Daher ist er als Universalgelehrter zu bezeichnen. (S.14 V.354-356) Jedoch fühlt sich Faust an der Erkenntnisgrenze angelangt. Er ist mit seinen Kenntnissen höchst unzufrieden. Faust möchte das vollkommene Wissen erlangen. (S.14 V.358-359) „Daß ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält.“ Ebenso wie oben aufgeführten Zikaden versucht er die Erkenntnisgrenze mit verschiedenen Mitteln zu überschreiten. Da Faust als Gelehrter versagt hat, gibt er sich der Magie hin. (S.14 V.376-377) Der erste Versuch durch das Makrokosmoszeichen die Erkenntnis zu erlangen, schlägt jedoch fehl. Es gibt leider keine magische Erscheinung. (S.17 V.458-460)

Beim zweiten Versuch gelingt es Faust den Erdgeist aufzurufen. Jedoch stößt ihn der Geist ab. Somit ist der zweite Versuch ebenfalls gescheitert. (S.18 V.512-513) Nun befindet sich Faust in einer Identitätskrise. Er weiß nicht, wohin er gehört. (S.23 V.653) Manchmal tritt sein Größenwahn zum Vorschein. „Ich, Ebenbild der Gottheit(…); Ich mehr als Cherub“. (S.22) An diesem Punkt hat der Teufel Recht, dass die Menschen hochmütig sind, weil sie sich eben für göttlich halten. Dabei können die Menschen wie am Beispiel von Faust gezeigt wird, kein vollkommenes Wissen erlangen. Nach dem Scheitern der magischen Versuche ist Faust völlig verzweifelt. Er kann keine Freude am Leben haben, denn sein Streben ist nicht gestillt. Deshalb beschließt er sich umzubringen. Doch dieser Versuch zur Erkenntnis zu kommen, wird durch Osterglocken verhindert, die Faust an seine Kindheit erinnern. (S.25 V.732-738)

Beim Osterspaziergang mit Wagner gibt Faust zu in einem entzweiten Seelenzustand zu verweilen. „Zwei Seelen wohnen, ach! In meiner Brust…“ Er kann sie nicht in Einklang bringen. Die eine Seele beruht auf dem Erkenntnisstreben, die andere fordert Lust. (S.37 V.1114-1117) Aus diesem Grund ist Faust ständigen Stimmungsschwankungen ausgesetzt. Mal ist er depressiv wie bei der Geistesbeschwörung, mal ist er fröhlich wie z.B. beim Osterspaziergang. Erwähnenswert ist auch, dass Faust seine respektable Stellung in der Gesellschaft gar nicht schätzt. Wagner beispielsweise bewundert ihn und möchte genauso ein erfolgreicher Gelehrter wie Faust sein. In Augen der Menschen ist Faust kein Verlierer. Aber es genügt ihm nicht, denn er will das Geheimnis der Natur und der Schöpfung völlig entschlüsseln können.

Sobald Faust im Studienzimmer ist, erwacht sein Trieb erneut. (S.40 V.1211) Von der Religion hält Faust nicht viel. Da Gott ihm nicht helfen kann, sein Strebe zu erfüllen, wendet er sich von ihm ab und willigt der Wette mit Mephisto ein. (S.51 V. 1566-1571; S.56 V.1745) Er verflucht sein Leben und sagt dem Erkenntnisstreben ab, indem er das sinnliche Begehren, die Lustbefriedigung wählt. (S.56 V.1769-1751) Schließlich hat Faust sein ganzes Leben für die Wissenschaft geopfert und seiner Ansicht nach am Ende genauso viel Wissen wie am Anfang erlangt. Das beweist, dass Menschen animalisch sind, dass sie ihren animalischen Trieben nachgeben und somit einen schlechten Lebensgang wählen.

So brechen Faust und Mephisto zur Lebensreise auf, bei der Faust das Leben erfahren soll. Nach seiner Verjüngung erblickt er eine junge, fromme Bürgerliche namens Margarete auf der Straße. Auf der Stelle will Faust das Mädchen haben. „Hör, du musst mir die Dirne schaffen!“ Im Auftrag von Faust beginnt Mephisto Margarete zu verführen. Er beschafft Schmuck für sie und schmuggelt es zusammen mit Faust in ihr Zimmer. (S.88 V.2744) Gretchen wird von Geschenken und Schmeicheleien überhäuft. Letztendlich gelingt es Faust sie in sich zu verlieben. (S.105-111) Hier bemerkt man, dass Faust ein Egoist ist, dass seine tierischen Triebe an erster Stelle stehen. Er nutzt seine überlegene Stellung gegenüber Gretchen aus, um sie zu erobern. Dabei fühlt er ihre Not als Bürgerliche und als Frau. Faust begreift, dass Mephisto ihr wehtun wird. (S.109 V.3347) Trotzdem beschließt er seine Lust zu befriedigen und Margarete mit sich selbst zu Grunde zu richten. (S.109 V.3357-V.3363-V.3365)

Faust verabreicht Gretchen ein Gift, das ihm der Teufel gibt, damit sie nachts mit einander schlafen können. Allerdings denkt Faust, es wäre ein Schlafmittel. Letztendlich tötet Gretchen unbewusst die eigene Mutter und wird von Faust geschwängert. Ferner ersticht Faust ihren Bruder mit Hilfe von Mephisto und flieht. (S.121 V. 3711-3712) Gretchen bleibt allein mit ihrem Schicksal. Sie wird von ihrem sterbenden Bruder verstoßen und von der Gesellschaft stigmatisiert. (S.122 V. 3730) Zudem ertränkt Margarete ihr neugeborenes Kind. Sie wird deshalb in den Kerker eingeschlossen und soll hingerichtet werden.

Faust erfährt zufällig von ihrem Schicksal. In der Walpurgisnacht erscheint ihm ihr Geist. Er beschuldigt Mephisto an allem. (S.145 Z.36-37) Die eigene Schuld will Faust aber nicht anerkennen. Er versucht nun Gretchen aus dem Kerker zu befreien. Faust ist zu der Zeit von der Lust gesättigt, da er Margarete kalt ablehnt. (S.149 V.4491-4495) Dies belegt, dass Faust das Böse in sich verkörpert. Er zeigt sich verantwortungslos gegenüber Gretchen. Zuerst verführt er sie, zerstört ihr Leben, dann will er sie nicht mehr. Sein Trieb ist ja gestillt. An dieser Stelle erscheint Gretchen als Spielzeug und Sexualobjekt. Im Schicksal von Gretchen spiegelt sich in dem Fall die unterlegene gesellschaftliche Stellung der Frauen im Zeitalter der Klassik.

Im Gegensatz zum Teufel ist Gott optimistischer gegenüber Menschen eingestellt. Er schöpft Hoffnung auf das Gute im Menschen, auf den Sieg der Vernunft.

„Ein guter Mensch in seinem dunklen Drange

Ist sich wohl des rechten Weges wohl bewusst.“

Dabei streitet Gott nicht ab, dass Menschen Fehler begehen. „Es irrt der Mensch, solange er strebt.“ Im Gegenteil erwirbt der Mensch dadurch Erfahrung und kann den rechten Weg finden. So überlässt Gott dem Teufel Menschen zu verführen, damit sie nicht aufhören zu streben, denn die Fehler sind Pfad zum rechten Weg. Sie zeigen dem Menschen, was das Richtige, das Gute ist. (S.13 V.340-344) Somit liefert der Herr ein positives Menschenbild, das auch auf Faust zutrifft.

Obwohl er vom rechten Weg abgeht, indem er seinem Trieb nachgibt und das Leben von Gretchen zerstört, besitzt auch Faust gute Eigenschaften. Dass er ein schlechtes Gewissen hat, ist ein klares Beispiel dafür. Außerdem versucht Faust Gretchen aus dem Kerker zu befreien.(S.145 Z.50) Das zeigt, dass ihm das Schicksal von Gretchen nicht gleichgültig ist. Faust fühlt sich schuldig an ihrem unwürdigen Ende, obwohl er seine Schuld verdrängt und Mephisto für alles verantwortlich macht. (S.145 Z.55-56)

Am Ende erblindet die Sorge Faust. (S.157 V.11499) Hätte Faust kein schlechtes Gewissen gehabt, wäre ihm das Schicksal von Gretchen egal, dann könnte man behaupten, er wäre ein schlechter Mensch, der den rechten Weg nicht erkennt. In diesem Fall sind schlechtes Gewissen, Reue und Buße der rechte Weg, zu dem sich Faust bekennt. Ohne Mephisto hätte Faust vielleicht nie verstanden, dass ein animalisches Dasein und Hochmut nicht das ist, wozu Gott die Menschen erschuf. Endlich wird Faust bewusst, dass das vollkommene Wissen eine Illusion ist. Faust ist von der Lust gesättigt und übergibt sich schließlich Mephisto.

In der Tragödie „Faust I“ präsentiert Goethe das Menschenideal seiner Zeit. Er will zeigen, wie die Menschen sein sollen. Sie sollen nämlich gebildet, vernünftig, moralisch und vor allem human sein. Mit der Tragödie „Faust I“ möchte Goethe Menschen auffordern nicht aufhören nach dem Rechten zu streben und nicht aufzugeben. Schließlich ist Zufriedenheit Stagnation in Bezug auf die Entwicklung eines auf Individuums.

Der Autor ruft Menschen zum Humanismus auf. Dazu führt er Geschichte von Gretchen auf, um den Leser auf ihr Schicksal zu sensibilisieren. Damit will Goethe zeigen, dass solche Menschen wie Gretchen Mitleid sowie Nachsicht und nicht immer eine Peitsche verdienen. Im Grunde genommen ist Gretchen ein Opfer eines gemeinen Paktes zwischen Faust und Mephisto. Zusätzlich kritisiert Goethe das Verharren der Menschen in den bestehenden Herrschaftsstrukturen wie z.B. Kirche. Er appelliert an den Menschen sich nicht aufhalten zu lassen, sondern für Gleichheit und Menschenrechte zu kämpfen. Heute ist die Tragödie „Faust I“ immer noch aktuell, da Menschen immer noch aufhören zu streben, sobald ihre sinnlichen Triebe befriedigt sind und sobald sie alles erreicht haben, was sie sich wünschten. Bezogen auf die Gesellschaft kann diese schreckliche Entwicklung nur zur Dekadenz führen.

KsG.